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Tag 2

Es ist etwa halb zehn als wir aufwachen. Mein von diesem eigenartigen Sidre malträtierter Kopf verlangt nach Aspirin. Gibt es nicht, da muss er jetzt durch. Wir räumen träge die Überreste vom Vorabend auf, frühstücken träge und gehen träge duschen. Erst hier werde ich richtig wach.

Wir packen unser wichtigstes Hab und Gut in unsere kleinen Rucksäcke, die wir zusammengerollt in den großen Backpacks transportiert haben, und sind um ein Uhr wieder an diesem tristen Metro-Gebäude. Für heute haben wir uns Amsterdam vorgenommen. Wir erstehen am Schalter das Abzocker-Tagesticket für sämtliche Gruppentoaster (siehe vorheriges Kapitel) und andere Verkehrsmittel, welches uns im Stadtplan empfohlen wird. So kommt es, dass wir uns schon bald wieder im Amsterdamer Untergrund befinden.

Zu meiner großen Überraschung müssen wir, als wir wieder ans Tageslicht treten, feststellen, dass wir nicht alleine sind. Verdächtigerweise ist hier auch am Sonntag ein Menschenauflauf von geradezu maßlosen Ausmaßen. Wir treiben im Menschenstrom aus der Centraal Station, überwinden einige lästige Hürden, welche uns in sämtlichen Sprachen günstige Unterkünfte anzudrehen versuchen, und stehen schließlich auf der Prins Hendrik Kade, der Hauptstraße vor dem Bahnhof. Zwischen dem Bahnhof und der Kade befindet sich ein Kanal, die Open Haven Front. Allgemein sind die Straßengräben hier sehr feucht. Kein Zweifel, wir sind in der Stadt der Grachten.

Erstmal orientierungslos treiben wir in die nahe gelegene Singel-Gracht. (Die Straßen an den Grachten entlang tragen übrigens meistens den Namen der jeweiligen Gracht.) Bereits nach einer Viertelstunde sind wir an drei Sportraucher-Fachausstattern – im Volksmund Coffeeshops genannt – vorbei geschlendert. Und natürlich hat der Sportzigaretten-Fachhandel hier meist auch Sonntags geöffnet. Sport ist immer Gesund. Patricc und Christian entschließen sich, das Wagnis auf sich zu nehmen, und einen solchen Laden zu betreten. Die beiden erstehen eine fertig gerollte Sportzigarette, verpackt in einer Art Reagenzglas. Ich erkläre mich in diesem Zusammenhang spontan für unsportlich.

Wir schlendern durch die Stadt, etliche Haupt- und deren Seitenstraßen rauf und runter. Der Tag hat sich zu einem angenehm warmen Sommertag entwickelt und Amsterdam braucht ganz offenbar keine Coffeeshops um eine entspannte Atmosphäre zu verbreiten. Trotzdem fällt uns bald auf, dass der schwarze Verkauf von Sportartikeln hier sehr verbreitet ist. Gesunder Menschenverstand rät jedoch davon ab, auf solche Angebote einzugehen. Es erscheint auch wenig vertrauenserweckend, wenn man aus irgendeinem düsteren Hauseingang von einem schlechten Bob-Marley-Double schief angeflüstert wird:

„Hey, pssssst! Hey… Dope?“

Hat ja schon ein bisschen was von der Sesamstraße. „Hey, psst! Ein D?“ Will man keinen Stress mit der Amsterdamer Unterwelt oder irgendwem sonst, dann sagt man am besten gar nichts, lässt sich nichts anmerken und geht eilig weiter. In unserem Reiseführer steht übrigens, man solle sich nichts andrehen lassen. Saubere Rauch-Utensilien bekäme man ja schließlich in all den Coffeeshops. Kein Kommentar…

Wir gehen eilig weiter. Dann plötzlich das unvermeidliche: Wir haben das Viertel erreicht, in dem es wohl mehr Freudenhäuser gibt, als im wilden Westen, das Red Light District. Erstaunlich, wie alltäglich es für die Eingeborenen zu sein scheint. Jung und alt wandeln wie gewöhnlich durch die Straßen, während in den Schaufenstern spärlich bekleidete Damen, vorwiegend fernöstlicher Herkunft, auf Kundschaft warten. Gleich ein paar Meter weiter kann man sich anschauen, wie es dazu gekommen ist: Das Sexmuseum. Toll. Aber trotz einiger feiner Schweinereien besuchen wir es ebenso wenig wie das Hanfmuseum noch ein paar Meter weiter. Wieso staubtrockene Theorie, wenn man auch die gaumentrockene Praxis ungestraft erfahren darf? Nein, stattdessen machen wir uns Gedanken, wie wir jetzt an ein paar satte Steaks kämen. Sport allein tut's halt doch nicht.

Wir laufen viel umher und finden in der Regulierbreestraat einen günstigen Imbiss. Dort bekommen wir für wenig Geld viel Falafel. Schlimm nur, dass unsereinen hinterher der Durst so sehr plagt. Da sich die brühwarme Cola in Christians Rucksack langsam dem Ende zuneigt, machen wir uns also schon wieder Gedanken. Wo bekommen wir Sonntags um vier wohl etwas zu trinken her?

Nachdem wir uns schlau gemacht haben – das kann ich jedem nur empfehlen – ist unser Ziel der Supermarkt de Brun in der Haarlemmerstraat, im Nordwesten der Innenstadt. Dieser soll Augenzeugenberichten nach sogar an warmen Sonntagnachmittagen geöffnet haben. Als nette Menschen, die wir nun mal sind, unterstützen wir kleine, selbständige Unternehmen natürlich, wo wir können. Gerade wenn sie Sonntags als einzige geöffnet haben.

Auf dem Weg zu de Brun stehen uns noch einige weitere Sehenswürdigkeiten im Weg. So z.B. der Dam, der größte Platz in der Innenstadt, der jedoch nur durch die Unmengen von Menschen auffällt, durch die er selbst gar nicht zu sehen ist. Egal. Gleich daneben baut sich der Königspalast auf. Von den Einheimischen wird er eigentümlicherweise Paleis genannt. Auch egal, denn kaum treten wir aus der Menschenmasse raus, steht vor uns das Einkaufszentrum Magna Plaza, welches in früheren Zeiten der Sitz der Hauptpost gewesen sein soll. Wenn auch nicht genug Geld und Platz um etwas zu kaufen vorhanden ist, so wollen wir uns dieses – übrigens sehr schön renovierte – Gebäude doch mal von innen ansehen. Außerdem muss ich aufs Klo. Ganz doll. Toll sauber, saubere 50 Cent kostet der Spaß.

Auf dem Weg an der Singel entlang kommen wir an Cafés und Coffeeshops vorbei. Jetzt sind draußen Stühle und Tische aufgebaut, bestrahlt von der schon recht tief stehenden Sonne. Ob de Brun auch Sonntagabends geöffnet hat? Ja, zum Glück! Es ist ein relativ kleiner Supermarkt, der aber gut ausgestattet ist. Nur die Preise....

Nachdem wir dort Getränke, eine Melone und eine Tube Zahnpasta mit der verwirrenden Aufschrift speciale samenstellung erworben haben, treiben wir wieder auf der Prins Hendrik Kade, diesmal in die andere Richtung zum Ooster Dock, wo wir uns zum ausruhen auf eine Mauer mit Blick auf das alte Hafenbecken setzen. Unter unseren von der Mauer baumelnden Füßen erstreckt sich der alte, gepflasterte Kai. Zwischen den Steinen sprießen Grasbüschel und kleine Sträucher, was darauf schließen lässt, dass hier heutzutage kein allzu großer Betrieb mehr herrscht. Das einzige Boot dort unten ist eine uralte Barkasse, auf dem Anleger daneben gammelt hinter wirklich großen Büschen (hier hat seit sehr, sehr langer Zeit kein Betrieb mehr geherrscht) eine kleine Hütte, von der man nur das Wellblechdach sieht. Eine richtig idyllische Szenerie ist das, hier können wir nicht nur unsere Füße reanimieren, sondern die Melone essen, etwas trinken und Postkarten in die Heimat schreiben.

Als wir weitergehen ist es bereits halb acht. Im Centrum scheint langsam das Nachtleben vorzuglühen. Wagemutig ziehen wir durch die Gassen im Ostteil, in denen wirklich das Leben tobt. Allerlei Sprachengewirr, Hautfarben und Stimmung. Selbst Polizeibusse mit vergitterten Windschutzscheiben können uns nicht abschrecken. Nicht wirklich. Wir betreten das Geschäft The Greenhouse Effect, in dem Christian und Patricc sich wichtige Papiere besorgen. Entgegen meiner Erwartung sitzen in diesen Sportcafés kaum Menschen, die vom vielen Sport ganz bedödelt sind, sondern auch viele Junge Leute, die tatsächlich nur Kaffee trinken und reden. Es ist richtig gemütlich.

Wir nehmen das taube Gefühl, das wir da wo mal unsere Füße waren verspüren, als Zeichen, und lassen uns langsam wieder zur Centraal Station treiben. Mittlerweile haben wir halb acht, und ein gewisser Hunger ist nichtmehr zu unterdrücken. Doch vorher muss noch etwas geklärt werden: Wie schaffen wir am nächsten Tag die geplante nächste Etappe, die im gediegensten Falle Amsterdam – St.Malo/Bretagne hieße.

Im Ticketcenter sind die wenigsten Schalter besetzt und bis wir das tolle Zieh-dir-eine-Nummer-und-warte-System verstanden haben vergeht nochmal einige Zeit. (Es war nämlich weit und breit nichts zu sehen, woran man hätte ziehen können.) Zu guter Letzt bekommen wir dann doch noch den Schalter mit der freundlichen Dame die Deutsch kann. Sie erklärt uns, dass auf der Strecke Amsterdam - Brüssel - Paris nur der teure Thalys fährt. Wir besprechen das, die Dame sieht uns erstaunlich geduldig dabei zu. 23 Gulden Zuschlag pro Person haben auf uns jedoch eine abstoßende Wirkung. Die andere Möglichkeit: IC Amsterdam – Brüssel und dann IC Brüssel – Paris. Bis Brüssel wäre das kein Problem, aber die andere Verbindung ist für Tage voll.

So kommen wir nicht weiter. Wir bedanken uns bei der Dame, verlassen den Saal und grübeln ganz wickiemäßig über einen besseren Plan nach. Ergebnis: bis nach Brüssel nehmen wir den IC, der um 10.24, 11.24 und 12.24 Uhr fährt. Dort lassen wir uns dann eine Verbindung über die Dörfer nach Paris geben. Volles Risiko könnte man auch sagen.

Wir sind etwa um zehn Uhr am Platz. Es ist schon dunkel, doch was noch viel schlimmer ist: Heute ist Labertasche da! Wir kochen uns wieder den Feuerzauber aus good ol' Texas und liegen schließlich essend im Zelt, als plötzlich Labertasche den Kopf zum leider noch offenen Eingang hereinsteckt, und ein Foto von uns macht.

„Lächelt mal, Jungs!“

Ich glaub' es nicht... [Klick!]

„Spitze, Jungs! Na, dann ma' noch frohes futtern, wat?!“

Wären wir drei nicht mit dem Essen beschäftigt, das wäre sicherlich das Ende dieses armen Irren. So ist es wohl Schicksal, dass Labertasche diesen Abend überlebt. Außerdem wollen wir keine Probleme an der Grenze bekommen. Wir sind ruhige, a(aaaaah!)usgeglichene Menschen, lassen den Mann folglich auch nach dem Essen am Leben, hören ein wenig Musik und essen Kekse. Verrückte Stadt, dieses Amsterdam.

2.2.08 12:45


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