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Prolog

Ein Samstag im Winter. Für uns war es einer dieser völlig harmlosen, beliebigen Samstag-Nachmittage. Für uns, eine damals alles andere als erfolgsorientierte Band. Christian, Patricc und ich, Janne, saßen wieder im Proberaum, probten aber nicht, da das Mikro fehlte und die Bassbox in vollen Zügen ihren allsamstäglichen Wackelkontakt auslebte. Die Wintersonne stand, ach was, sie hing tief. Sie schien unerbittlich gelangweilt zum Fenster hinein und machte die in der Luft schwebenden Staubkörnchen sichtbar.

Jedes einzelne.

In diesem Moment absolut vollkommener Ödnis wurde uns klar, dass etwas geschehen muss, etwas außergewöhnliches, etwas, das alles verändert. – Sicher, ein Mikro kaufen und die Bassbox reparieren, das wären naheliegende Möglichkeiten. Aber das war es nicht. Uns stand der Sinn nach etwas fernerem, etwas inspirierendem, um noch weiter zu gehen: Nach etwas unvergesslichem. Eine Reise oder so. Die Sommerferien waren zwar noch in weiter Ferne, doch dieser Gedanke ließ sich nicht mehr abschütteln.

Es entbrannte also eine Diskussion von waghalsigen Ausmaßen, bis, ja bis plötzlich der Startschuss zu einer Entwicklung fiel, deren Folgen uns bis dato nicht einmal im Traum erschienen wären:

„Wie wäre es mit interrailen?“

„Jaaa… hmm… warum nicht? Ich meine…“

– Schnitt! –

… und wir stehen am Wiesbadener Hauptbahnhof. Gut, das ist ein bisschen sehr plötzlich, aber genau so kommt es uns vor. Fangen wir trotzdem ein kurzes Stück früher an.

 

Tag 0

Nämlich am Tag vor unserer Abreise. Wir treffen uns in Mainz um gemeinsam unsere ersten Vorräte zu besorgen. Es ist der zweite Tag im Juli und über Deutschland liegt ein hitziges Hochdruckgebiet, was uns irre freut. Das ist genau das richtige Wetter zum wegfahren. Ich und Joe steigen aus der S-Bahn und gabeln vor dem Bahnhof Bill auf. Nach unserer Einkaufstour wird er wieder nach Hause fahren, und dann, erst am Abend, samt Gepäck zu uns nach Wiesbaden kommen.

Unser erster Anlaufpunkt ist ein Musikgeschäft. Saiten für Bills und Joes Gitarren, sowie ein Fell für mein Go. Alles, was uns unterwegs an Inspiration über den Weg läuft, wird erbarmungslos musikalisch festgehalten werden. Nur so kann unsere Schaffenskrise überwunden werden, indem wir nämlich die unterschiedlichen Umgebungen und Erlebnisse direkt in die neuen Songideen einfließen lassen. Von denen wird es einige geben, da bin ich, da sind wir zuversichtlich.

Nach dem Musikladen zieht es uns zum Supermarkt. Auf dem Weg dorthin fällt mir zum wiederholten Male etwas auf: Das Crazy. An der Hauptstraße zwischen Bahnhof und Innenstadt steht ein großes, altes Haus, wie es viele gibt in Mainz und Wiesbaden und natürlich auch sonstwo. Vermutlich zu Beginn dieses Jahrhunderts gebaut, braun verputzt, hier und da schon etwas bröckelig, ganz gewöhnlich eben. Bis auf die schlichte Tatsache, dass es sich um einen überdimensionalen Puff handelt: Das Crazy. Ich finde die Größe und die Lage dieses Gebäudes verwirrend. Einfach so. Schon zu der Zeit, als wir unseren Proberaum noch im Mainzer Haus der Jugend hatten, sind wir hier häufig vom Bahnhof aus vorbei gelaufen. Auffallend war das ganze erst, als wir abends, bei Dunkelheit, zurückkamen. Der Schriftzug "Das Crazy" war hell erleuchtet, und die ganze, recht breite Straße war in den puffig-pink-rosafarbenen Schein getaucht, der aus allen Fenstern drang. Ich stelle mir einen Fremden vor, der in Deutschland interrailt, zum ersten Mal nach Mainz kommt, müde aus dem Hauptbahnhof tritt und als erstes durch den puffig-pink-rosafarbenen Schein wandelt, den Das Crazy auf ihn wirft. Germany is crazy, wird er denken.

Aber das nur nebenbei.

Wir kommen zu einem weitaus nützlicheren Tempel der Lust: Nach nicht allzu langer Gehzeit erreichen wir den Supermarkt unseres Vertrauens, und machen uns dran, eine Einkaufsliste zusammenzustellen. Schon. Provisorisch, aus dem Kopf eben. Man will ja spontan sein. Müsli, Tütenfraß, Dosenfraß, Süßkram, Gewürze (Wenn es schon jeden Abend dasselbe gibt, muss es ja nicht immer gleich schmecken!), Partykerzen, schweigsames Wasser, ein wenig Obst und Gemüse und Batterien für die Walkmen. So weit die Liste, die allerdings klingt, als gäbe es im restlichen Europa keine Supermärkte. All das mitzunehmen, das dürfte zu viel sein. Da wir uns also werden einschränken müssen, wird es im menschen- und warenüberfüllten Laden Schwierigkeiten geben.

Nach einer letzten kurzen Lagebesprechung stürzen wir ganz eilig durch die Tür, doch das Überrumpelungsmanöver ist erfolglos. Wir haben natürlich einen dieser in jedem Supermarkt vorhandenen rollbehinderten Wagen erwischt, die auf geraden Strecken abbiegen und in Kurven geradeaus fahren wollen. Glücklicherweise belastet uns keinerlei Zeitdruck. Wir bugsieren also die Karre in eine Parklücke (genau vor den Freilandkartoffeln) und tragen unsere Einkäufe dorthin. Kaum sind wir fertig und auf dem Weg zur Kasse, werden wir mitten im Geschäft von einer Einkaufswagen-Schlange jäh gestoppt. Wir setzen uns auf unsere Buchstabensuppentüten, spielen Tic Tac Toe auf dem zugestaubten Boden (Nein, nicht wirklich! Noch nicht...) und warten darauf, dass endlich auch die Zweite der drei Kassen besetzt wird. Auf unserer Reise werden wir mal recherchieren, ob diese Zustände auch in anderen Europäischen Ländern vorherrschen.

In unseren bis zum bersten gefüllten Tüten befinden sich nun zwei Literflaschen stilles Wasser, vier Tütensuppen, zwei Dosen Bohnensuppe ("Texanischer Feuerzauber", sic!), eine kleine Packung Schokomüsli, für jeden zwei genmanipuliert große Äpfel, eine kleine Packung Reis, eine Tüte Kinder frohmachender Farbstoffe und Gelees in Bärenform, zwei extralang brennende Partykerzen und Walkman-Batterien. Soweit die Notration, alles weitere kann man sich unterwegs auch noch besorgen. Am Bahnhof holen wir uns dann noch Sandwiches. Wie jedes Mal suche ich, als wir auf dem Bahnsteig sitzen, nach den Gewürzgurkenscheibchen, die im Salami-Baguette versteckt sind. Diesmal sind es nur zwei, manchmal aber sind es ganze drei Stück. Beim genüsslichen kauen versuche ich mir dann vorzustellen, wie wir irgendwo in England oder Frankreich mit unseren Rucksäcken ebenso dasitzen und warten. Es geht nicht.

Ich will endlich los!

12.8.07 20:39


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