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Tag 1

Es ist soweit. Wir stehen also am Bahnhof, unter unseren Rucksäcken mit Gitarre, Go - was das ist, wird an anderer Stelle noch erklärt - und dem wohl härtesten Kassettenradio der Welt, und warten auf den Zug, der den Beginn unseres Abenteuers darstellt. Die Bahnhofsuhr zeigt - lässig von der Decke hängend - acht Uhr morgens an, und wir steigen in den Stadtexpress nach Koblenz. Als der Zug langsam losrollt, sehen wir zum letzten Mal für einige Zeit die uns vertraute Landschaft an uns vorbei rauschen. Wie die Werbespots im Kino. Dann beginnt langsam aber sicher der Film. Wovon der handelt liegt jetzt allein in unseren Händen. Und wenn es mies kommt auch mal in den Händen einiger Verantwortlicher bei der einen oder anderen europäischen Bahngesellschaft. Das wird sich aber hoffentlich vermeiden lassen.

Ich sehe auf die Weinberge die draußen vorbei ziehen und versuche ein gesundes Maß an Geistesgegenwärtigkeit aufzubauen. Wir sind alle noch ziemlich verpennt. In gewisser Weise stellt sich bei uns schon bald ein Gefühl der Verwegenheit ein – wissend, dass wir noch großes vorhaben. Wir fühlen uns ein bisschen wie zugfahrende Cowboys… Anfangs geht die Reise durch den Rhinegow, dann durch die Schluchten des Rhine Canyon vorbei an Cowb und Loreley. Während der ganzen Fahrt wälzt sich der Rhine River neben uns her und etwa um elf Uhr erreichen wir schließlich Koblenztown.

Der Anschluss nach Emmerich an der deutsch-holländischen Grenze geht bereits in fünf Minuten, weswegen uns eine gewisse Hektik überkommt. Schließlich sind wir doch in Eile und die schweren Rucksäcke noch nicht gewohnt. Zudem haben wir leichte Orientierungsschwierigkeiten in diesem eigentlich nicht sehr großen Bahnhof. Im Zug halten sich neben uns viele gleichgesinnte auf, allerdings mehr von der Sorte Wochenendcowboys. Sicher sind sie alle auf dem Weg ins El Dorado für Freunde der Sportzigarette, Amsterdam, welches ja auch unser erstes Ziel ist. Dort sollen die Sheriffs ja wirklich locker drauf sein. Anders als im Marlboro Country, doch das ist zum Glück weit weg, ebenso wie die Gefahr vom Krebs gebissen zu werden. Naja.

Nach dem Koblenzer Umsteigestress sind wir etwas geschlaucht. Amsterdam ist noch in einiger Ferne, und so machen wir uns, wissend dass es noch lange dauern wird, auf den Zweiersitzen lang. Oder zumindest so lang, wie es geht. Solange es geht. – Und hier ist sie, die ultimative Zug-Schlaftechnik: Man setzt sich auf den einen Doppelsitz und legt die Füße auf den anderen, gegenüberliegenden Sitz. Dann rutscht man so weit runter, bis es nicht mehr weiter geht, die Füße also an die Lehne des anderen Sitzes stoßen, und fertig ist der krumme Rücken. Die Reise führt uns nun über die Tiefebenen des Mittleren Nordwestens. Orte ziehen an uns vorüber, aus dem Zug sehen sie fast verlassen aus, Bad Breisig, Bonn und auch Hürth-Kalscheuren. Als wir so da liegen, haben wir ganz unverhofft eine Begegnung der zweiten Klasse: Ein vermutlich ebenso unerfüllter wie unlustiger Konti betritt das Abteil. Da die ihm aufgetragene Tätigkeit ihm offenbar nicht genug Freude bereitet, strapaziert er die Grenzen seines Wortschatzes (Fahrscheine und Bitte!) und drückt uns folgende Prächtigkeit aufs Auge, oder besser gesagt, aufs Ohr: „Nee, wie kamma nur müde sein!?“
Was will der junge Mann uns damit sagen? Ist das etwa kundenorientiertes Verhalten, gar Smalltalk? Meiner Ansicht nach Verbesserungswürdig. Doch halt! Der wahre Kenner schweigt und genießt. Das tun auch wir. Da wir körperliche Gewalt verabscheuen, schlagen wir ihm lediglich unser geballtes Unverständnis entgegen. Vermutlich dürfen wir uns glücklich schätzen, dass er uns nicht die Füße von den Bänken hochgehoben und eine Zeitung drunter gelegt hat. Alles schon erlebt.

Nach drei Stunden Fahrt steigen wir in Emmerich aus dem Zug, und begeben uns in das Bahnhofsgebäude. Außer der Frau im Kiosk ist hier kein Mensch. Wenn das immer so ist, denke ich, ist die Frau im Kiosk bald auch nicht mehr hier. Dann denke ich: Wenn das immer so ist, wieso ist sie dann überhaupt hier? Es muss mal anders gewesen sein. Die guten alten Zeiten. Laut Fahrplan geht unser nächster Zug erst um halb vier, und so müssen wir über eine Stunde in diesem - ich will nicht sagen gottverlassenen Kaff, aber okay - in diesem gottverlassenen Kaff zubringen.

Etwa eine halbe Stunde später hält am Bahnhof ein Zug. Ungelogen. Als ob das noch nicht genug Aufregung verbreiten würde, kommen von den Gleisen her ein paar Bundesgrenzschutz-Beamte samt ihrer riechwütigen Hunde angetrottet. Allerdings nur, um kurz darauf mit ihrem spinatgrünen BGS-Bus wegzufahren. Wir begeben uns langsam zu den Gleisen. Auf dem Weg schaue ich nochmal, woher der Zug mit den Ordnungshütern kam. Es war der EC aus Amsterdam. Natürlich.

Kurz nach halb vier besteigen wir den Eurocity „Frans Hals“ und bezahlen beim Schaffner widerwilligst einen Aufschlag, dessen Betrag zu nennen dieser Erzählung unwürdig wäre. Es ist uns entgangen, dass man in jenem Land, in welchem man seinen Wohnsitz hat, trotz Interrailticket noch immer 50 % des eigentlichen Preises zahlen muss. Ich mache mir im langweiligen, ungemütlich modernen Abteil einige Zeit Gedanken über das sicherlich leidvolle Schuljungendasein des Namensgebers Frans Hals, von dem ich zu meinem großen Bedauern nie zuvor gehört habe. Wir fahren bereits durch die Niederlande, als wir plötzlich und unverhofft zu dem Schluss kommen:

„Das ganze Land is' ja nur voll so scheiß Wiesen. Voll kacke!“
„Ja, mann...“
„Irgendwo muss das ganze Gras doch herkommen. Oder nicht?!“

An das lange und viele Zug fahren müssen wir uns anscheinend erst noch gewöhnen. Es ist offensichtlich, dass wir ziemlich fertig sind, also, ihr lieben Niederländer: Nichts gegen euer schönes Land und schon gar nichts gegen Euch... Aber das mit den Wiesen stimmt wirklich. Monoton. Schließlich ändert sich doch etwas: Um die Monotonie zu untermalen, wird der Himmel langsam schön diesig. He, wow! Doch desto weiter der Minutenzeiger in Richtung Ankuftzeit rückt, desto ungeduldiger werden wir. Bald sind wir da, dann ab auf den Campingplatz und fertig. So stellen wir uns das zumindest vor.

to be continued...

14.8.07 21:23
 



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